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"Die Kunstformen der Natur" (Ernst Haeckel)

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"Die Kunstformen der Natur" (Ernst Haeckel)

 

I.

Wer erinnert sich nicht an den lieblosen Umgang, den man als Kind mit Quallen pflegte. Sie dienten weniger als Anschauungsobjekte der schönen Natur, vielmehr als glibbrig-eklige Wurfgeschosse. Erst der in Potsdam am 16. Februar 1834 geborene Ernst Haeckel (gest. 1919) lehrte uns mit seinen zwischen 1899 und 1904 in mehreren Heften erschienenen „Kunstformen der Natur” die verborpgene Schönheit der Scheibenquallen entdecken. Eines dieser filigranen Meeresgebilde entzückte den Biologen so sehr, daß er sich entschloß, ihr den Namen seiner ersten Frau Anna Sethe zu geben. Auch Fürst Bismarck findet sich durch den Forscher geehrt in Gestalt eines „festgefügten Radiolariums“ (Strahltier). Sein repräsentatives Wohn- und Arbeitshaus in Jena taufte Haeckel auf den Namen „Villa Medusa“. 

Mit einer prachtvollen Neuausgabe von Haeckels „Kunstformen der Natur“ überraschte der Münchener Prestel Verlag im vergangenen Jahr sein Kunst-Publikum und hoffte auf eine Wiederentdeckung dieses einmaligen Werkes, das großen Einfluß auf die Entwicklungsbiologie, aber auch auf die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts ausgeübt hatte. Hilfreich ergänzte der Verlag das Bildwerk durch zwei aktuelle Textbeiträge von Olaf Breidbach, dem gegenwärtigen Leiter des Haeckel-Hauses, und Irenäus Eibl-Eibesfeldt, einem der renommiertesten Verhaltensforscher unserer Zeit. Die Erwartungen des Verlages wurden weit übertroffen, binnen kurzer Zeit verkaufte Prestel die preiswerte Studienausgabe (39,00 DM) knapp dreißigtausend Mal.

 

II.

Ernst Haeckel hinterließ uns eine beeindruckende Vorstellung von der Entwicklung alles Lebendigen. Seine „Kunstformen der Natur“ gehörten ebenso wie Brehms Tierleben in jeden bürgerlichen Haushalt.

Phantastische Gebilde wie Radiolarien, Medusen und Stachelhäuter oder auch die Gesichter der Fledermäuse (Tafel 67) ordnen sich unter der zeichnenden Hand Haeckels zu ornamentalen Bildern und sollen mit ihrer prächtigen Formenvielfalt auf die Strukturbeziehungen der Lebewesen untereinander verweisen. Haeckel entwickelte die Idee einer „organischen Stereometrie“ (Haeckel), die allem Lebendigen zugrunde liegt und glaubte so, den Schlüssel zur Entwicklungsgeschichte der Lebensformen gefunden zu haben. Mit einer „Reihe fortwährender Komplizierungen“ (Breidbach) führt uns der Jenenser Gelehrte sein „Biogenetisches Grundgesetz“ bildhaft vor Augen, wonach eine jegliche Lebensform auf einer vorherigen beruht, sie gleichsam „konserviert“.

Vehement engagierte sich Haeckel, der 1882/83 das Zoologische Institut an der Universität Jena begründete, als deutscher Jünger für die Darwinsche Evolutionstheorie und warf sich ins Gefecht gegen die antidarwinsitischen Reaktionen der Kirche. Deren resistenten Schöpfungsgedanken begegnete Haeckel mit einer ebenso hartnäckigen Welt- und Allfrömmigkeit. Das Spottwort von Gott als „gasförmiges Wirbeltier“ machte unter Haeckels Anhängern die Runde. Haeckel erhob seine Thesen schließlich in den Rang einer neuen Religion, den sogenannten Monismus und gründete zusammen mit A. Kalthoff 1906 in Jena den sogenannten Monistenbund, der die Alleingültigkeit der Naturgesetze propagierte. Anknüpfend an die romantische Naturforschung, die gern von der Beseelung der Natur sprach, wird der Pantheist Goethe zu einem wesentlichen Gewährsmann für Haeckels Welt- und Naturauffassung, die das „Erstaunen“, die Emphase vor die Erkenntnis setzt. So heißt es in Goethes Gedicht „Zu erforschen, zu erfahren,/ Wie Natur im Schaffen lebt./ Und es ist das ewig Eine,/ Das sich vielfach offenbart;/ Klein das Große, groß das Kleine,/ Alles nach der eigenen Art./ Immer wechselnd, fest sich haltend;/ Nah und fern und fern und nah;/ So gestaltend, umgestaltend - / Zum Erstaunen bin ich da.“ 

Goethes Entwicklungsgesetz von Polarität und Steigerung, die beständige Wandlung in der Natur, spürt der Betrachter in jeder Zeichnung Haeckels. Erstaunt sein kann man aber nur, wenn man sieht und versucht, die Formen darzustellen. Für Haeckel, den malfreudigsten seiner Zunft, scheint das die „wahre Art der Naturerkenntnis“(Breidbach) zu sein.

Vor allem die beiden Schriften „Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft“ und der Bestseller „Die Welträthsel“ (in 30 Sprachen übersetzt und in über 400.000 Exemplaren aufgelegt) wurden zu Kultbüchern um die Jahrhundertwende. Bis heute existiert der 1906 von Haeckel ins Leben gerufene „Monistenbund“ (hauptsächlich in den USA und Brasilien), der sich in seinem Gründungsaufruf als „Weltanschauung der Zukunft“ preist: „die einzig und allein die Herrschaft der reinen Vernunft anerkennt, dagegen den Glauben an die veralteten, traditionellen Dogmen und Offenbarung verwirft.“ 

 

III.

Doch über die weltanschaulichen Offenbarungen hinaus beeinflußte Haeckels mit Akribi und Leidenschaft gemalte Formenwelt das ästhetische Empfinden seiner Zeit. Eine Scheibenqualle (Tafel 88) diente Constant Roux als Vorlage für Glaslüster im Oceanischen Museum Monaco, und der französische Architekt René Binet ließ sich für sein Monunmentaltor zur Pariser Weltausstellung 1900 durch eine Radiolarienzeichnung Haeckels inspirieren. Darüber hinaus brachte Binet 1902 ein Tafelwerk heraus, das unter dem Titel „Esquisses décoratives“ Dekorationsentwürfe der Art nouveau enthielt und ebenfalls auf Zeichnungen Haeckels zurückgreift.

 Mitunter lieferte Haeckel Höchstselbst den Künstlern Ideen für weitere Entwürfe wie etwa bei der Beschreibung der Laubmoose (Tafel 72): „Insbesondere bietet das feine Zellennetz der zarten Blätter schöne Motive für Stickmuster, während die Kapsel mit dem zierlichen Deckel und gezähnten Mündungsrand Vorlagen für Urnen und Flaschen liefert.“ Dabei spielte es für seine Darstellung keine Rolle, ob diese Formen für das natürliche Auge sichtbar sind. Haeckel wählte genau die Perspektive, den Ausschnitt oder die Vergrößerung, die seinen dekorativen Vorstellunen entsprach. Die dabei zutage tretende Reduktion der Natur auf die Arabeske, das schöne Detail, vernachlässigt allerdings die Erforschung der „Wirkursachen“ (Breidbach). Doch dieser von der Naturwissenschaft vorgebrachte Einwand braucht den heutigen Betrachter nicht weiter kümmern. Denn mit Haeckel lernt er die Schönheiten der Natur neu sehen. 

 

Die Ausstellung

 

Erstmals werden im Jahr 2001 die 100 Original-Drucke der „Kunstformen der Natur“ in der Geburtsstadt Haeckels (gest. 9. August 1919) gezeigt. Eingebettet in die Bundesgartenschau, die sich dem zeitgenössischen Verständnis von Natur, Garten und Landschaft widmet, kann die Ausstellung den Bezug zur Geschichte der Naturphilosophie herstellen.

 

Ergänzt werden die Zeichnungen durch verschiedene Exponate aus dem Arbeitszimmer Haeckels in Jena, darunter die Holztruhe, die Haeckel zum 80. Geburtstag vom Deutschen Monistenbund erhielt. Sie ist mit Perlmutterintarsien der Qualle Desmonema Annasethe geschmückt, jener Qualle, die Haeckel nach seiner Frau benannt hat. 

 

Dem Besucher wird begleitend zur Ausstellung der schon erwähnte Prestel-Katalog angeboten (Ernst Haeckel: Kunstformen der Natur. Neudruck der Farbtafeln aus der Erstausgabe 1904. Prestel Verlag 1998, broschierte Ausgabe 39,00 DM, gebundene und erweiterte Ausgabe 198,00 DM).

 

Eigens für die Potsdamer Ausstellung entsteht ein Begleitkatalog, der über das Gesamtwerk Haeckels Auskunft gibt. Er enthält Texte von Prof. Olaf Breidbach, Dr. Erika Krauße, Durs Grünbein, Maren Ulbrich und Hendrik Röder.

 

Die Ausstellung wird durch den OB der Stadt Potsdam, Matthais Platzek, eröffnet. Die Eröffnungsrede hält Olaf Breidbach.

 

Veranstalter sind das Brandenburgische Literaturbüro in Kooperation mit dem Museumsverband Brandenburg; unterstützt durch das Kulturamt der Stadt Potsdam und den Prestel Verlag.

Projektleitung: Maren Ulbrich und Hendrik Röder 

 


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Nepenthaceae

Taxa Haeckel: Nepenthaceae
Taxa Botanica: Epenthaceae

Phaeodaria

Taxa Haeckel: Phaeodaria
Taxa Botanica: Tripylina